Die Skopostheorie nach Reiß/Vermeer: Ein Überlick morepublished in 'Trapriori: Studentische Zeitschrift für Translationswissenschaft', 2.1, 2010. |
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Translation and Interpretation, TIS translation, Translation Studies, Translation theory, and Skopostheorie
Die Skopostheorie nach Reiß/Vermeer: Ein Überlick
von Lisa Rüth
1. Einleitung – Skopos der Arbeit
Die Skopostheorie gehört unter der Vielzahl translationswissenschaftlicher Theorien und Modelle zu den kontroversesten Ansätzen. Die Debatte, die sie seinerzeit innerhalb der Translationswissenschaft auslöste, kann jedoch nicht nachvollzogen werden, ohne einen Blick auf den Status quo zum Zeitpunkt ihres Erscheinens zu werfen. Allein schon durch die materiell gebotenen Einschränkungen der vorliegenden Arbeit konzentriert sich dieser einführende Überblick jedoch in erster Linie auf die Geschichte und Entwicklung der Translationswissenschaft in Deutschland und auf einige wenige ausgewählte Ansätze. Erst im Anschluss an diesen einführenden Überblick wird die Theorie von Reiß/Vermeer vorgestellt. Begrifflichkeiten, wissenschaftliche Grundlagen und zentrale Aspekte der Skopostheorie werden erörtert, wobei der Versuch unternommen wird, die Standpunkte von Reiß/Vermeer deutlich herauszuarbeiten und zu denen anderer Translationswissenschaftler in Bezug zu setzen. Ausgewählten kritischen Stimmen zur Skopostheorie ist schließlich ein eigenes Kapitel gewidmet, gefolgt von einer abschließenden kurzen Ausführung zur Entwicklung der Skopostheorie in ihrem weiteren Verlauf bis heute. Im Sinne der Skopostheorie darf eine Skoposangabe an dieser Stelle nicht fehlen: Der Skopos dieser Ausführung ist es, Studierenden der Translationswissenschaft und verwandten Disziplinen einen umfassenden Überblick über die Skopostheorie zu verschaffen, der als Einstieg in die Thematik hilfreich sein und das Interesse am Gebiet der Translationswissenschaft fördern soll.
2. Überblick über die Geschichte der Translationswissenschaft in Deutschland
Die Translationswissenschaft wird allgemein als noch sehr junge Disziplin bezeichnet, die sich Mitte des 20. Jahrhunderts herauszubilden begann. Doch bereits lange vor dieser Zeit beschäftigten sich Übersetzer nicht nur mit dem bloßen Akt des Übersetzens, sondern verfassten entsprechende Abhandlungen, die sich mit den verschiedensten Aspekten des Übersetzens befassten. Die bekanntesten Akteure dieser vorwissenschaftlichen Periode1 sind der für seine Reden bekannte römische Politiker und Anwalt Cicero (106 – 43 v. Chr.), welcher laut Stolze als „wichtigste[r] Übersetzer der klassischen Zeit“ bezeichnet werden kann, Hieronymus (348 – 420), der Verfasser der Vulgata, und schließlich Martin Luther (1483 – 1546), der in seinem Sendbrief vom Dolmetschen aus dem Jahre 1530 seine angeblich zu freie Übersetzung heiliger Schrif1
Die Bezeichnung dieser Phase des Translationsdiskurses als vorwissenschaftlich ist der einführenden Vorlesung zur Translationswissenschaft von Holger Siever im WS 2007/08 am FTSK entnommen.
ten mit den Worten, man müsse dem Volk „aufs Maul schauen“, verteidigte (Stolze 2008: 17-20). Bereits im 19. Jahrhundert forderte Friedrich Schleiermacher (1768 – 1834), der „Stammvater der Hermeneutik“ (Siever 2008: 99):
Ueberall [sic] sind Theorien bei uns an der Tagesordnung, aber noch ist keine von festen Ursätzen ausgehende, folgegleich und vollständig durchgeführte, Theorie der Übersetzungen erschienen […]: nur Fragmente hat man aufgestellt und doch, so gewiß es eine Alterthumswissenschaft gibt, so gewiß muß es eine Uebersetzungswissenschaft geben (Schleiermacher 1814: 104, zit. bei Siever 2008: 14, Anmerkung übernommen).
Doch nach dieser Forderung Schleiermachers sollte es noch fast 150 Jahre dauern, bis eine nachhaltige wissenschaftliche Erforschung des Themengebiets der Translation begann. Während sich in der vorwissenschaftlichen Periode Übersetzer mit der Translation auseinandersetzten, waren es nun Linguisten, die sich mit den Problemen des Übersetzens beschäftigten (Siever 2008: 14). Es überrascht daher nicht, dass die ersten bedeutenden translationstheoretischen Ansätze deutscher Wissenschaftler mit Begriffen wie linguistische Übersetzungstheorie, Translationslinguistik und linguistisch orientierte Translationswissenschaft eindeutig der Disziplin der Sprachwissenschaft zugeordnet werden. Bedeutende Vertreter der Translationslinguistik sind u.a. Otto Kade, Gert Jäger, Albrecht Neubert, Jörn Albrecht, Werner Koller und Wolfram Wills (ibid.: 45-46). In der Translationslinguistik dominierte die Trennung zwischen Fach- und Literaturübersetzen. Man ging von Sinn- und Funktionsgleichheit des Ausgangs- und des Zieltextes und folglich von einem statischen Textbegriff, von Sprache als Code2 und damit einer Systematisierbarkeit der Übersetzungsverfahren aus. Die zentralen Begriffe der Translationslinguistik sind Äquivalenz und Invarianz. Der Begriff der Äquivalenz entstammt der formalen Logik und
meint in der Logik […] eine umkehrbar eindeutige Zuordnung zwischen zwei Ausdrücken. Diese Kennzeichnung als umkehrbar eindeutig ist wichtig […], denn hier haben wir bereits den Kernpunkt, der eine Übertragung des Äquivalenzbegriffs in die Übersetzungstheorie so problematisch macht. Eine Viele-zu-Eins-Entsprechung z. B. ist nicht umkehrbar eindeutig (ibid.: 82, Hervorhebung übernommen).
Ein weiteres Problem des Äquivalenzbegriffs liegt in der Tatsache, dass es keine einheitliche, in der Translationswissenschaft allgemein anerkannte und mit ihm eindeutig assoziierte Definition gibt. So weit die einzelnen Definitionen des Begriffs auseinander liegen – man vergleiche lediglich die Definitionen Neuberts und Albrechts – so stark divergieren die Bewertungen des Begriffs an sich. Prunç wählte 2001 den Titel Im Gestrüpp der Äquivalenzbeziehungen für ein Kapitel, in dem er u.a. auf die Theorien Kollers, Wilss' und Reiß' einging, Snell-Hornby bezeichnete Äquivalenz 1986 als „Illusion“ (zit. bei Stolze 2008: 103), für Horn-Helf bildet der Terminus das „Kernstück aller Übersetzungstheorie“ (1999: 73) und Kußmaul schrieb, der Begriff stifte nur Verwirrung und sei daher fallen zu lassen (Siever 2008: 82). Der zweite zentrale Begriff der Translationslinguistik, der Begriff der Invarianz, wurde einheitlicher definiert. Jumpelt definiert ihn ähnlich wie Albrecht, welcher Invarianz als
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Der Begriff wurde aus der Kommunikationswissenschaft entnommen, ebenso das ursprünglich für technische Zwecke entworfene Kommunikationsmodell der US-amerikanischen Wissenschaftler Shannon und Weaver. Dieses Modell wurde von Kade und Neubert übernommen und für die Zwecke der Translationswissenschaft bearbeitet (Stolze 2008: 50-51).
tertium comparationis, als das, was bei einer Übersetzung unverändert bleiben soll, versteht (Siever 2008: 47, 62). Im Hinblick auf unsere Fragestellung erscheint besonders interessant, dass auch Albrecht bei der Beantwortung der Frage, „was beim Übersetzen invariant gehalten werden soll“ (Albrecht 1990: 75), den Zweck der Übersetzung als das entscheidende Kriterium erachtet (Siever 2008: 62, Panasiuk 2005: 160). Neben den hier angesprochenen, sog. äquivalenztheoretischen Ansätzen, die Übersetzen in erster Linie als Finden von Äquivalenzen definieren, gehört noch eine zweite Gruppe mit textlinguistischen/texttypologischen Ansätzen in das Paradigma der Translationslinguistik. Die wichtigste Vertreterin dieser Strömung ist Katharina Reiß, deren Theorien auf der Annahme basieren, die Struktur des Textes beeinflusse die Übersetzung. Folglich müssen sich die Wahl der Übersetzungsmethode und die Entscheidung, welche Komponente invariant gehalten werden sollte, nach dem Texttyp richten. Ausgehend vom Bühlerschen Organonmodell und oft Bezug nehmend auf die Theorie der Stylistique comparée stellte sie deshalb 1971 ein Textsortenmodell vor, das im Laufe der Jahre erweitert und abgeändert wurde und welches die verschiedenen Übersetzungsmethoden nach Reiß schematisch darstellt. Laut Stolze ist die „übersetzungsrelevante Texttypologie nicht präskriptiv als Anweisung zum Übersetzen zu verstehen, sondern vielmehr als deskriptiv im Sinne einer Beschreibung der möglichen übersetzerischen Reaktion auf Texte“ (Stolze 2008: 112-116). Neben den hier kurz angesprochenen translationslinguistischen Ansätzen finden sich auch weitere Strömungen, die zur Entwicklung der Translationswissenschaft entscheidende Beiträge leisteten. Dazu gehören die Vertreter hermeneutischer Ansätze, die sich an der Romantik und Schleiermacher orientieren, wie etwa Güttinger und Friedrich, Stolze, Paepcke, Apel und Kloepfer, und dekonstruktivistischer Theorien, allen voran Derida, der u.a. Walter Benjamins Essay Die Aufgabe der Übersetzers aus dem Jahre 1923 aufgreift (Siever 2008: 147). Da das Thema der Arbeit, die Skopostheorie, jedoch in erster Linie als Gegensatz zur Translationslinguistik zu sehen ist, kann auf diese Ansätze in dieser Arbeit nicht näher eingegangen werden.
3. Skopostheorie – Die Neuorientierung
1978 veröffentlichte der am damals noch Angewandte Sprachwissenschaft lautende Fachbereich in Germersheim tätige Hans Vermeer im Fachblatt Lebende Sprachen den Aufsatz Ein Rahmen für eine allgemeine Translationstheorie. Mit dieser Publikation legte er den Grundstein für einen neuen, funktionsorientierten Ansatz der Translationswissenschaft (Dizdar 1998: 104), der besonders bei Vermeers Kollegen in Germersheim auf positive Resonanz stieß (Siever 2008: 163). Gemeinsam mit Katharina Reiß erweiterte Vermeer seine in Lebende Sprachen vorgestellte Theorie in dem 1984 publizierten Werk Grundlegung einer allgemeinen Translationstheorie. Dabei greifen Reiß/Vermeer zurück auf den von Otto Kade als Oberbegriff für Übersetzen und Dolmetschen geprägten Begriff Translation (Reiß/Vermeer 1991: 6) und orientieren sich
insbesondere an Eugene Nidas3 Konzept der dynamischen Äquivalenz (Siever 2008: 157). Von der „Linguistik als Leitdisziplin“ wenden sich Reiß/Vermeer bewusst ab, da „von ihr keine Antwort auf die entscheidenden Fragen zu erwarten sei“ (Prunç 2001: 161). Mit der Grundlegung einer allgemeinen Translationstheorie emanzipierte sich die Translationswissenschaft nicht nur von der Linguistik, sondern wartete, unter Berücksichtigung der zu Beginn der 1980er Jahre vorherrschenden translationswissenschaftlichen Ansätze und Paradigmen, mit neuen Sichtweisen auf. So unterscheiden Reiß/Vermeer nicht zwischen Fach- und Literaturübersetzen, sondern verstehen ihren Ansatz als allgemein gültige Translationstheorie. Translation wird nicht mehr nur als bloße Transkodierung verstanden, sondern als Handlung.4
3.1.
Übersetzen als Handlung
Die Translation als Sondersorte einer Handlungstheorie zu klassifizieren ist eine der Kernpunkte der Theorie von Reiß/Vermeer. Anders als bei einer allgemeinen Handlung sei im Falle der Translation jedoch mit dem Ausgangstext bereits eine Aktion gegeben, auf die nun reagiert wird (Reiß/Vermeer 1991: 95). Jedwede Handlung ist zielgerichtet. Ihr liegt eine Motivation zugrunde, die, vereinfacht ausgedrückt, darin besteht, „dass das angestrebte Ziel höher eingeschätzt wird als der bestehende Zustand“ (ibid.: 95). Die Motivation eines Menschen wird in vielerlei Hinsicht durch die unterschiedlichsten Komponenten beeinflusst. Da Translation als Sondersorte des Handels eingestuft wird, „muss auch eine Translation immer eine persönliche Leistung sein bei aller Objektivität, die ihr natürlich zukommen soll“ (Vermeer 1994: 34, Hervorhebung übernommen). Wer handelt, trifft eine Entscheidung. Übersetzen ist folgerichtig ein Entscheidungsprozess, bei dem „der Translator eine eigenständige Position einnimmt: […] [Der Translator] entscheidet letzten Endes, ob, was, wie übersetzt/gedolmetscht wird“ (Reiß/Vermeer 1991: 87). Diese Aufwertung der Position des Translators vom Sprachmittler zum „Ko-Autor“ (Siever 2008: 155) ist ein wesentliches Merkmal handlungstheoretischer Ansätze 5 und steht in starkem Kontrast zu der in der Translationslinguistik vorherrschenden Auffassung, Translation sei nichts weiter als eine „codebasierte Ersetzungsoperation“ (ibid.: 241, Vermeer 1994: 33). Auch wenn die Gleichsetzung von Translation und Handlung eine Aufwertung der Rolle des Translators bewirkte und dies zu begrüßen ist, liegt in dieser Gleichstellung der beiden Begriffe „die zentrale Schwäche“ handlungstheoretischer Ansätze wie der Skopostheorie. Berücksichtigt man die beim Übersetzen ablaufenden Prozesse des Verstehens und der Textproduktion, wird diese Gleichsetzung, so positiv sie sich auf das
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Prunç sieht Nida als den Begründer der Translationswissenschaft als eigene wissenschaftliche Disziplin (2001: 107). 4 Wie auch bei Justa Holz-Mänttäri, deren Translatorisches Handeln: Theorie und Methode fast gleichzeitig mit der Grundlegung einer allgemeinen Translationstheorie erschien. Reiß/Vermeer hierzu in der 2. Auflage ihres Werkes (219): „Die dort vorgestellte Theorie vom ,translatorischen Handeln’ kann heute mit der in unserem Buch vorgestellten Translationstheorie zu einer umfassenden Theorie vereinigt werden.“ 5 Diese Auffassung ist jedoch nicht neu. Bereits der Frühromantiker Novalis hob die Kreativität des Übersetzers hervor und schrieb 1789: „Er [der Übersetzer] muß der Dichter des Dichters seyn“ (Siever 2008: 98, 158).
Berufsbild des Übersetzers auswirkt, in Frage gestellt, da der Begriff des Handelns in dieser Hinsicht nicht weit genug reicht und um den Aspekt der Interpretation erweitert werden muss (Siever 2008: 241-242). Reiß/Vermeer berücksichtigen diesen Aspekt, jedoch „nicht systematisch […], obwohl er immer wieder (implizit und explizit) zur Erklärung in Anspruch genommen wird“ (ibid.: 159).6
3.2. Zusammenfassung der allgemeinen Translationstheorie
Die handlungs- und funktionalorientierte Grundlegung einer allgemeinen Translationstheorie gliedert sich in eine Basistheorie und spezielle Theorien.7 Auf Seite 119 ihrer Publikation geben Reiß/Vermeer selbst eine Zusammenfassung ihrer Basistheorie. Die dort in Kurzform aufgelisteten Regeln werden in diesem Kapitel dargestellt. (1) Ein Translat ist skoposbedingt. Wenn Übersetzen Handeln ist, jedem Handeln eine Motivation zugrunde liegt und somit jedes Handeln auf die Erfüllung eines Zwecks abzielt, muss als logische Schlussfolgerung gelten: Die „Dominante aller Translation ist deren Zweck“ (Reiß/Vermeer 1991: 96, Hervorhebung hinzugefügt). Reiß/Vermeer verlagern somit den Fokus vom Ausgangstext auf den Zweck der Handlung. Der Ausgangstext ist entthront. Alle Entscheidungen, beispielsweise im Hinblick auf die Strategie der Übersetzung, sind dem Zweck unterzuordnen (ibid.: 100). Die Neuerungen, die diese Theorie vorstellte, sollten durch die Verwendung eines neuen, spezifischen Terminus hervorgehoben werden: „Als Skopos (von griech. skopos, das Ziel, pl. Skopoi) versteht man die Zielvorgabe/das Ziel einer Translation“8 (Prunç 2001: 163, Hervorhebung übernommen). Dieser Zweck steht nicht von Anfang an fest. Der Skopos eines Translats muss nicht mit dem des Ausgangstextes übereinstimmen und auch innerhalb des Textes können unterschiedliche Skopoi festgelegt werden, sei es für einzelne Textteile oder aber unterschiedliche Skopoi für denselben Text. Folgerichtig gibt es nicht nur die eine Übersetzung eines Textes. Vielmehr müssen sich mehrere Translate desselben Ausgangstextes gemäß ihrer Skoposvorgaben unterscheiden (Reiß/Vermeer 1991: 101104). Die Wahl des Skopos unterliegt jedoch Einschränkungen. Der Skopos muss sinnvoll und begründbar, d.h. situationsadäquat innerhalb einer Kultur, sein (ibid.: 97). Für die Festlegung des Skopos muss der intendierte Rezipient bekannt sein, da Situationsadäquatheit innerhalb einer (Sub-)Kultur für anonyme Adressaten nicht gewährleistet werden kann. Reiß/Vermeer formulieren daher als Unterpunkt zur Skoposregel die soziologische Regel: Der Skopos ist rezipientenabhängig (ibid.: 101). Diesbezüglich weist Dizdar (1998: 105) explizit darauf hin, dass die soziologische Regel nicht gleichzusetzen ist mit einer zielkulturgerechten Übersetzung. Der Skopos kann auch gezielt gegen die Konventionen der Zielkultur verstoßen wollen.
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Siehe hierzu auch Kapitel 3.5. Prunç (2001: 162) verweist auf Nord, die den ersten, theoretischen Teil der Grundlegung Vermeer zuschreibt, während Reiß ihr Textsortenmodell an diesen Teil anfügte. 8 In Skopos und Translationsauftrag (1990a) grenzt Vermeer die Begriffe Zweck, Ziel, Funktion und Skopos erstmals voneinander ab. Diese Einteilung wird in der vorliegenden Arbeit nicht berücksichtigt.
Siever merkt in seiner Habilitationsschrift an, dass die Überlegung, die Übersetzungsstrategie vom Zweck des Zieltextes abhängig zu machen, bereits vor Reiß/Vermeer angestellt wurde. Schleiermacher unterscheide unter Berücksichtigung des Adressaten „vier Bestimmungen des Werkes“ und auch der Weltbund der Bibelgesellschaften trenne, je nach Zweck, fünf Übersetzungstypen (2008: 159). Auch Reiß/Vermeer selbst (1991: 96) verweisen in der Grundlegung einer allgemeinen Translationstheorie auf ähnliche Überlegungen zur Zielgerichtetheit u.a. von Stern (1974, 1975), Nida (1969, 1977) und Hirsch (1967). (2) Ein Translat ist ein Informationsangebot in einer Zielkultur und -sprache über ein Informationsangebot in einer Ausgangskultur und -sprache. Bereits früh in der Geschichte der Translationswissenschaft stellte man fest, dass es nicht möglich ist, alle Aspekte des Ausgangstextes in das Translat zu übertragen (Reiß/Vermeer 1991: 35). Bei der Form der Übersetzung, die Christiane Nord als Wortfür-Wort-Übersetzung bezeichnet, werden Sprachkonventionen der Zielsprache, Situation und Textfunktionen in einem Maße vernachlässigt, das die Verständlichkeit der Übersetzung nicht mehr gewährleistet. Wirkungstreue Translationen verlangen nach semantisch teils äußerst freier Wiedergabe bis hin zur Produktion eines Textes in der Zielsprache, welcher mit dem Ausgangstext kaum noch Gemeinsamkeiten aufweist. Ob dies im Extremfall noch als Translation bezeichnet werden kann, wie Reiß/Vermeer dies tun, ist strittig.9 Alle Aspekte in das Translat zu übertragen ist jedoch nicht nur ein translatorisches Problem, sondern beginnt viel früher: Bevor der Translator mit der Übersetzung beginnt, tritt er als Rezipient des Ausgangstextes in Erscheinung, interpretiert diesen gemäß seiner Situation und weist ihm eine begründbare Funktion zu (ibid.: 57). Diese Betrachtung, Translation als zweistufiger Vorgang (AT → TRL, TRL → ZT), steht in starkem Kontrast zu der Sichtweise insbesondere translationslinguistischer Wissenschaftler, die das Konzept eines einstufigen Vorgangs (AS → ZS) vertreten (ibid.: 41-42). Die Funktionszuweisung ist nach der Interpretation die wichtigste Komponente. Die Verarbeitungskriterien des Rezipienten der bekannten Harry-PotterHeptalogie von J. K. Rowling werden beispielsweise entscheidend dadurch beeinflusst, welchem literarischen Genre (Kinder- und Jugendliteratur oder Erwachsenenliteratur) er diese zuordnet, ob er sie als Bildungs- oder Entwicklungsromane sieht oder sie für eine Geschichte über Freundschaft, den Kampf des Guten gegen das Böse oder als okkultistische Propaganda, als „globales Langzeitprojekt zur Veränderung der Kultur“10, einordnet. Der Text als solcher existiert also nicht,
sondern wird als je der und der Text rezipiert und, z. B. durch einen Translator interpretiert, in je eigener Weise tradiert. [...] Es ist nicht möglich, Translation als Transkodierung toute simple der/einer Bedeutung [...] eines Textes zu verstehen. Translation setzt Verstehen eines Textes, damit Interpretation des Gegenstandes „Text“ in einer Situation voraus. Damit ist Translation nicht nur an Bedeutung, sondern an Sinn/Gemeintes [...], also an Textsinn-in-Situation, gebunden (ibid.: 58).
Da auch der Zieltextrezipient interpretiert, ist ein Translat ein Informationsangebot über ein fremdsprachiges Informationsangebot (ibid.: 46). Reiß/Vermeer weisen ausdrücklich darauf hin, dass mehrere Arten von
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Vergleiche hierzu Kapitel 3.6. Aussage der Soziologin Gabriele Kuby (Spiegel Online 2003)
Informationsangeboten über Texte zu finden sind und diese unterschieden werden müssen. Ein Kommentar unterscheidet sich beispielsweise von einer Translation dadurch, dass ersterer erläuternden Charakter besitzt und sowohl Objekt- als auch Metasprache verwendet. Im Beispiel Reiß/Vermeer vermerken, dass es verschiedene Sorten von Informationsangeboten über ein Informationsangebot gibt ist der Hauptsatz als meta-, der Nebensatz als objektsprachlich zu verstehen. Ein Translat, im Gegensatz zum Kommentar, ist immer zwischensprachlich und -kulturell und ist nicht zwangsläufig als Translation oder Informationsangebot über ein fremdsprachiges Informationsangebot gekennzeichnet (ibid.: 79-80). (3) Ein Translat bildet ein Informationsangebot nicht umkehrbar eindeutig ab. „Das spezifizierende Merkmal für das Informationsangebot ,Translation’ ist zunächst für eine allgemeine Theorie im Oberbegriff als Translation enthalten. Dieser heißt ,Transfer’“ (Reiß/Vermeer 1991: 88). Transfer bezeichnet die Übertragung eines Zeichens als Teil eines Zeichengefüges in ein anderes Zeichen, ebenfalls Teil eines (anderen) Zeichengefüges. Die Klassifikation und Denomination als Zeichen erfolgt unabhängig von der Komplexität (Wort, Satz etc.). Transfer kann inner-, außersprachlich oder zwischen inner- und außersprachlichen Elementen geschehen. Als Beispiele seien die Transkription einer Podiumsdiskussion (innersprachlich), das Malen oder Zeichnen eines Gebäudes (außersprachlich) und das Berichten über ein Geschehen (außer-/innersprachlich) vermerkt. Dieser Transfer läuft regelmäßig ab, da jedes Zeichen Element eines größeren Gefüges ist und nicht isoliert betrachtet und verwendet werden darf. Der Transfer folgt einer Strategie, die die Wahl eines geeigneten Zeichens für das Zielgefüge einschließt. Auf die Translation bezogen müssen sprach- und kulturspezifische Umstände beim Transfer berücksichtigt werden. Ein Transfer muss regelhaft sein, d.h. nachvollziehbar, verständlich, geordnet und „(innerhalb tolerierter Vagheitsgrenzen) umkehrbar“11 (ibid.: 88-89). Inwieweit der Transfer bei einer Translation umkehrbar ist, richtet sich nach dem Skopos. Wir unterscheiden zwischen nicht umkehrbarem Transfer (z.B. Paraphrasierungen), teilweise umkehrbarem Transfer (sog. freie Übersetzungen) und imitierendem Transfer, der unter Berücksichtigung des Skopos eine größtmögliche Nähe zum Ausgangstext sucht. Letztgenannten definieren Reiß/Vermeer als „Translation im Sinne u n s e r e s heutigen kulturspezifischen Verständnisses“ (ibid.: 94, Hervorhebung übernommen). (4) Ein Translat muss in sich kohärent sein. Reiß/Vermeer bezeichnen diese Art der Kohärenz, die sich auf den Rezipienten bezieht, als intratextuelle Kohärenz. Sie greifen den Gedanken von Hirsch auf, Kohärenz schließe einen hermeneutischen Zirkel ein, und erläutern: Der Rezipient interpretiert einzelne Elemente eines Textes, z.B. Wörter, Sätze oder Absätze, anhand ihrer Einbettung in den Gesamttext. Dieser wiederum setzt sich aus eben diesen einzelnen Elementen zusammen. Um intratextuelle Kohärenz zu erreichen, muss der sprichwörtliche rote Faden in einem Text zu finden sein. Kohärenz bedeutet folglich
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Der Autorin dieser Arbeit ist bewusst, dass diese Aussage einen Widerspruch zur Regel, ein Translat bilde ein Informationsangebot nicht eindeutig umkehrbar ab, darstellt. Vergleiche hierzu auch Kapitel 3.6.
nicht, mit etwas einverstanden zu sein, sondern zu glauben, etwas verstanden zu haben und es interpretieren zu können (Reiß/Vermeer 1991: 109-112). (5) Ein Translat muss mit dem Ausgangstext kohärent sein. Diese Art der Kohärenz (intertextuelle Kohärenz) bezieht sich auf das Verhältnis von Translat und Ausgangstext und ist abhängig vom Skopos des Translats und dem Verständnis und der Interpretation des Ausgangstextes von Seiten des Translators, ggf. nach Rücksprache mit dem Ausgangstextproduzenten. Kohärent müssen sein die vom Ausgangstextproduzenten in den Text eingearbeitete Nachricht, die vom Translator als Rezipient des Textes interpretierte Nachricht, die vom Translator als Ko-Autor in das Translat eingearbeitete Nachricht (Reiß/Vermeer 1991: 114-115). (6) Diese fünf Regeln sind untereinander hierarchisch geordnet.
3.3. Äquivalenz vs. Adäquatheit
Wie in Kapitel 3.2 dargelegt, wenden sich Reiß/Vermeer vom statischen Textbegriff der Translationslinguistik, die von monofunktionalen Texten ausgeht, ab. Aus dieser Abkehr von „der Illusion“ der Funktionskonstanz, wie es Prunç (2001: 165) formuliert, ziehen Reiß/Vermeer die entsprechenden Konsequenzen und nehmen Abstand vom Begriff der Äquivalenz im Sinne der Translationslinguistik (Siever 2008: 161). Äquivalenz wird neu definiert als „Relation zwischen einem Ziel- und einem Ausgangstext, die in der jeweiligen Kultur auf ranggleicher Ebene die gleiche kommunikative Funktion erfüllen (können)“12 (Reiß/Vermeer 1991: 139-140). An erster Stelle steht jedoch nicht der linguistisch geprägte Begriff der Äquivalenz, sondern die Adäquatheit. Adäquatheit bezieht sich auf den Zieltext (Siever 2008: 161) und beschreibt „das Verhältnis zwischen den Mitteln des sprachlichen Ausdrucks und dem Skopos“ (Horn-Helf 1999: 72). Diese Definition schließt die Möglichkeit des Funktionswechsels mit ein. Äquivalenz wird neu definiert als „Sondersorte von Adäquatheit, nämlich Adäquatheit bei Funktionskonstanz zwischen Ausgangs- und Zieltext“ (Reiß/Vermeer 1991: 140). Eine Übersetzung des 1668 erschienenen Romans Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen mit dem Skopos, die Übersetzung solle sich an französische Kinder des 21. Jahrhunderts richten und für diese gut verständlich sein, kann, um das Kriterium der Skoposadäquatheit zu erfüllen, nicht äquivalent sein. Die Neubewertung der Begriffe Adäquatheit und Äquivalenz bewirkt, dass „die unlösbaren Dilemmata, in die Translatoren durch die rigiden, miteinander konkurrierenden Äquivalenzpostulate unweigerlich gedrängt wurden, […] durch eine sinnvolle und erfüllbare Forderung ersetzt [werden]“ (Prunç 2001: 169).
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Vergleiche hierzu Prunç (2001: 168): „Da ein Text stets Sprache in Situation ist, kann das Reiß + Vermeersche Äquivalenzkonzept im Bezug auf einzelne Textelemente am ehesten mit dem Äquivalenzbegriff der Stylistique comparée verglichen werden“ (Hervorhebung übernommen).
3.4. Bewertung einer Translation nach der Skopostheorie
Übersetzen ist Handeln (Reiß/Vermeer 1991: 95). Zu einem Handlungsakt gehört nicht nur die Aktion selbst, sondern auch die Reaktion, bei Reiß/Vermeer „Rückkoppelung“ (ibid.: 106) genannt. Durch eine Reaktion signalisiert der Rezipient einer Nachricht, dass er diese erhalten hat. Die Art der Reaktion lässt erkennen, wie die Nachricht aufgenommen wurde. „Eine Aktion gilt dann als ,geglückt’, wenn die Rückkoppelung keinen Protest enthält“ (ibid.: 106). Es muss betont werden, dass der Protest auch zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen kann. Die Zeitspanne zwischen Aktion und Protest ist dabei unerheblich. Zwischen dem Erscheinen eines Buches und der Rezension oder zwischen einer Handlung und einem entsprechenden Gerichtsurteil können Jahre liegen. So wurde der Einsatz von Wahlcomputern bei der Bundestagswahl 2005 erst im März 2009 vom Bundesverfassungsgericht für verfassungswidrig erklärt, wenn auch von inoffizieller Seite schon viel früher protestiert worden war (Tagesschau Online 2009). Solange allerdings kein Protest erfolgt, wird jedwede Aktion als geglückt angesehen. Eine Handlung kann auch nur in Teilen glücken und auch ein gezieltes Nicht-Reagieren ist eine Art von Reaktion (Reiß/Vermeer 1991: 106), wie in folgender Situation13: Nach einem kostspieligen Abendessen in einem feinen Restaurant fragt M seine Freundin F: „Willst du mich heiraten?“ F sagt nichts. Ihre (verbale) Reaktion bleibt gezielt aus. 14 Auch dies ist eine Art von Rückkoppelung, da davon auszugehen ist, dass F M verstanden hat. Um adäquat reagieren zu können, muss der Rezipient den Produzenten verstanden haben. Voraussetzungen für das Verständnis der Botschaft sind: (1) (2) (3) ähnliche und/oder komplementäre Erfahrung(en) wie der Partner, ähnliche Enkulturation(en), ähnliche (aktuelle) Disposition (Reiß/Vermeer 1991: 107). 15
Zudem muss der Rezipient die Botschaft als in sich kohärent (intratextuelle Kohärenz) und als kohärent mit seiner eigenen Situation (des Rezipienten) ansehen. Er muss sie in seine aktuelle Situation mit seinem aktuellen Wissensstand einordnen können. Protest als Reaktion kann sich gegen vielerlei Aspekte einer Nachricht wenden. Protest gegen ein Translat/eine Translation selbst (nicht zu verwechseln mit dem Inhalt der Nachricht) kann sich nur auf den Skopos und die Art des Transfers der Information beziehen, beispielsweise auf nicht skoposadäquaten Transfer.16 Beispiel: Die Erkenntnisse eines wissenschaftlichen Beitrags sollen für die Leser einer großen fremdsprachigen Tageszeitung zusammengefasst und verständlich präsentiert werden. Enthält die Übersetzung eine Vielzahl fachspezifischer Ausdrücke, die nicht als Allgemeinwissen vorauszusetzen sind, richtet sich der Protest gegen die nicht skoposadäquate Translation (ibid.: 109). Während in linguistisch geprägten Ansätzen der Ausgangstext als Maß der Dinge und somit auch als Vorgabe für die Bewertung
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Dieses Beispiel ist dem Vortrag Gender Kommunikation – von Missverständnissen zur Verständigung zwischen Männern und Frauen der Dipl.-Pädagogin Marion Bredebusch im WS 2007/08 am FTSK entnommen. 14 Mögliche Skopoi Fs: Erstaunen, Ablehnen wollen des Antrages, aber M nicht verletzen wollen etc. 15 Siehe hierzu auch Kapitel 3.5. 16 Siehe hierzu auch Kapitel 3.3.
einer Übersetzung gilt, nimmt bei Reiß/Vermeer die Skoposadäquatheit diese Rolle ein. Insbesondere Vermeer vermeidet jedoch eine absolutierende Haltung: „I do not believe that things are simply either ’right’ or ’wrong’, they are different for different people and different purposes in different situations etc.“ (Vermeer 2007: 100). Im Interview mit der studentischen Zeitschrift für Translationswissenschaft trapriori (Juni 2009/01) bemerkte Vermeer, dass er „ohnehin nie von Übersetzungsfehlern sprechen“ würde. Nach seinem Verständnis müsse zwar jede Übersetzung ihrem Zweck „annähernd genügen“, doch bezieht er die Bewertung der Übersetzungsleistung auf die Person des Translators: „Wenn jemand übersetzt und wirklich ernsthaft daran arbeiten will, dann ist sein Übersetzungsergebnis für ihn ja das Beste, was er leisten kann.“ Die Entscheidung für oder gegen eine bestimmte Übersetzung müsse jedoch begründbar sein (Vermeer 2009: 78).
3.5. Aufgaben und Kompetenzen des Translators
Die Polyfunktionalität des Ausgangstextes und die handlungsorientierte prospektivfunktionale Ausrichtung der Skopostheorie erweitern das Aufgabengebiet des Translators: Er ist kein einfacher Sprachmittler, der lediglich transkodiert, sondern wird zum Ko-Autor. Er handelt und trifft somit Entscheidungen:
Nehme ich den Auftrag an? Wenn ja, unter welchen Bedingungen? Wenn nein, warum nicht? Welche Funktion soll das Translat erfüllen, und für wen erstellte ich es? Wie gehe ich vor? (Dizdar 1998: 105)
Der Translator ist ein eigenständiger Experte, zu dessen Pflichten es gehört, den Auftraggeber über eventuelle Bedenken hinsichtlich der Vorgaben oder des Skopos zu informieren. Beharrt der Auftraggeber trotz der Einwände seitens des Translators auf seinen Vorgaben, obliegt es dem Translator, zu entscheiden, ob er den Auftrag nichtsdestoweniger annimmt oder nicht. Als Experte muss er diese Entscheidung sich selbst gegenüber verantworten können (ibid.: 106). Der Übersetzer nimmt im Faktorenmodell nach Reiß „als alles entscheidender Faktor die zentrale Stellung im Übersetzungsprozeß ein“ (Reiß/Vermeer 1999: 149). Er ist hinsichtlich translatorischer Kompetenz, Verständnis des Ausgangstextes, Qualitätsvorstellungen, Übersetzungsstrategie etc. aber eine variable Größe – jede Übersetzung wird in diesen Punkten von den persönlichen Eigenschaften und Kompetenzen des Translators beeinflusst (ibid.: 149). Der Translator ist nicht nur Translator, sondern auch Zieltextrezipient. 17 Der Ausgangstextproduzent drückt sich in einer bestimmten Art und Weise aus, damit der intendierte Rezipient genau das versteht, was er verstehen soll. Der Produzent kann die Wirkung seiner Äußerung auf nicht intendierte Rezipienten nur bedingt abwägen. Der Translator in seiner Eigenschaft als Rezipient kann Teil der Menge intendierter Rezipienten sein, dies ist aber nicht zwingend erforderlich. Er ist jedoch Experte. Folgerichtig kann von ihm verlangt werden, dass er den Ausgangstext so versteht, wie der Produzent bzw. der Auftraggeber es intendieren. Ob er dies „will, steht auf dem Blatt seiner Ethik“ (Vermeer 2000: 48, Hervorhebung übernommen). Ob er dies kann, bestimmt seine
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Siehe hierzu auch Kapitel 3.2.
Kompetenz. Als Experte muss der Translator laut Vermeer (1994: 41-42) in der Lage sein, zu erkennen und zu verstehen, für welche Zielgruppe seine Übersetzung gedacht ist18 und in welcher Situation sich die intendierten Rezipienten befinden. Er muss eintauchen in die Welt des Produzenten, des Rezipienten und in seine eigene. Dies setzt sprachliche und kulturelle Kenntnisse auf hohem Niveau voraus, der Translator muss bioder plurikulturell sein. Diese Forderung bekräftigt Vermeer noch einmal im Jahre 1996:
Es stimmt also nicht, daß Übersetzen und Dolmetschen einfachhin heißt, einen Text in eine andere Sprache zu übertragen […]. Dolmetscher und Übersetzer (Translatoren) sollten die (idio-, dia- und parakulturellen19) Unterschiede im menschlichen Gesamtverhalten kennen und bei ihrer Tätigkeit (skoposadäquat) berücksichtigen. Sie sollten, so können wir kurz sagen, die ,Kulturen’ kennen, in denen Texte jeweils verfaßt und rezipiert werden (27).
3.6. Der übersetzerische Glaubenskrieg – Kritik an der Skopostheorie
Die in der Skopostheorie dargelegten Standpunkte stehen in starkem Gegensatz zu den bis dato dominierenden Ansätzen der Translationslinguistik und der gängigen Vorstellungen von Translation. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Reiß/Vermeer sich mit harscher Kritik seitens ihrer wissenschaftlichen Kollegen konfrontiert sahen. Siever (2008: 160) bringt es in seiner Habilitation auf den Punkt: „Die Auseinandersetzung um die Skopostheorie trug zeitweise Züge eines übersetzerischen Glaubenskrieges.“ So sieht die Vertreterin des hermeneutischen Übersetzungsflügels Radegundis Stolze die Theorie „stark vom Ökonomiestreben der modernen Informationsgesellschaft beeinflußt, wo für zweckfreie Äußerungen kaum noch Raum ist.“ (1992: 195) Tatsächlich grenzt Vermeer in seinem 1988 erstmals veröffentlichten Aufsatz Handlungstheorie und Translation die nicht-intentionale von der intentionalen Interaktion ab, wobei er nur letztgenannte als Handlung versteht (51). Auch Schreiber kritisiert den Zweckbegriff, allerdings hinsichtlich seiner Dominanz. Zwar sei Übersetzen eine zweckabhängige Tätigkeit, doch führe die „Verabsolutierung des Übersetzungszwecks“ bei Reiß/Vermeer zu einer Ausweitung des Übersetzungsbegriffes, die nicht tragbar sei (1993: 21). Er verweist hierbei auf Kelletat, der 1987 unter der Überschrift Die Rückschritte der Übersetzungstheorie Kritik übt an eben dieser Ausweitung, die Übersetzung und Adaption, Bearbeitung und Nachdichtung nicht voneinander abgrenzt (Kelletat 1987: 41-42). In diesem Zusammenhang weist Koller auf den Fall der Nobelpreisträgerin Doris Lessing hin, deren Werke über Zentralafrika für sowjetische Zeitungen „‚kreativ’ […] ‚übersetzt’“ wurden (Koller 2002: 52).20 Auch eine solche Adaption ist im Sinne der Skopostheorie eine Übersetzung. Sie wird „vom Rezipienten als hinreichend kohärent mit seiner Situation
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Vgl. Kapitel 3.2. Als Parakultur wird die Kultur einer Gesamtgesellschaft bezeichnet, wobei der Begriff Gesamtgesellschaft nicht genauer definiert wird. Jede Parakultur unterteilt sich in Diakulturen, bspw. die Diakultur der Berufsgruppe der Übersetzer innerhalb der Parakultur der Mitteleuropäer. Idiokultur sieht Vermeer als die Kultur des Individuums und aller Konventionen, die das Verhalten des Individuums beeinflussen (Prunç 2001: 176-178). 20 Lessing in ihrem Werk Walking in the Shade (1997: 174) dazu: „my real unforgivable naivety“ (zit. bei Koller 2002: 52).
interpretiert“ (Reiß/Vermeer 1991: 112) und folgt der Forderung der Skopostheorie nach Ausrichtung auf die Zielkultur, auch wenn keine Kohärenz mit dem Ausgangstext vorliegt. Immer wieder angegriffen wurde die dominante Rolle, die der Kultur in der Skopostheorie eingeräumt wird.21 Schreiber stellt dieser Dominanz entgegen, dass kultureller Transfer zwar ein „Teilproblem bestimmter Übersetzungstypen“, der gemeinsame Nenner jedweder Übersetzung jedoch der sprachliche Prozess sei (1993: 21). Auch Koller kritisiert, dass „bei H. J. Vermeer alles, was mit Übersetzen zu tun hat, kulturbedingt und kulturrelativ ist“, während Koller selbst die Kultur, wie auch Schreiber, lediglich als wichtigen Faktoren einordnet (2002: 47). Auch auf einer weiteren Ebene stoßen Aussagen Vermeers bezüglich der Kultur auf Kritik. Seine Einteilung in und Definition von Para-, Dia- und Idiokultur degradiere das Individuum zu einem passiven Objekt, so Prunç (2007: 157). Des Weiteren habe man als Übersetzer selten solch intime Einblicke in die Welt des Ausgangstextproduzenten, dass man sich mit seiner Idiokultur vertraut machen könne. Auch die Aufwertung der Rolle des Translators stieß auf Kritik. So wirft Koller (2002: 48-51) Reiß/Vermeer vor, den Übersetzer selbst auf den durch die Entthronung des Ausgangstextes verwaisten Thron zu setzen. Er stellt den Übersetzer als Alleinherrscher dar, der sich in der Wahl des Skopos vielleicht an einen Übersetzungsauftrag hält, sonst aber nach Belieben waltet und verwaltet. Kollers Kritik ist in Bezug auf die Frage, wer denn den Skopos bestimme, von einem translationslinguistischen Standpunkt aus nachvollziehbar. Der Skopos kann vom Translator festgelegt werden, allerdings sind auch der Autor des AT und der Auftraggeber denkbar, denen der Translator beratend in seiner Eigenschaft als Experte zur Seite steht. Koller übersieht, dass die Freiheiten, die Reiß/Vermeer dem Translator einräumen, nicht als Aufforderung zur translatorischen Anarchie zu verstehen sind, sondern mit Verantwortung einhergehend dem Translator skoposadäquate, bewusste und begründbare Entscheidungen abverlangen (Dizdar 1998: 106), auch wenn „jede Translation immer eine individuelle und in gewissem Grad subjektive Arbeit ist“ (Vermeer 1990b: 112). Neben den eben vorgestellten Beispielen für ,glaubenstechnisch’ bedingte Kritik, die vor allem von Vertretern der Translationslinguistik vorgebracht wurde und wird, beziehen sich Kritiker wie Kelletat (1987) und Zybatow (2004) auf die Skopostheorie an sich. So erhebt die Theorie zwar den Anspruch, eine allgemeine Translationstheorie für alle Fälle zu sein, und spricht auch immer wieder Literaturübersetzungen an, doch die Frage, ob es überhaupt eine allgemeine Translationstheorie geben kann, die sowohl fürs Übersetzen als auch fürs Dolmetschen, für alle Sprachen, Kulturen und Textsorten gültig ist, ist umstritten (Zybatow 2004: 265-266). Insbesondere die Frage, ob alle Forderungen und Bewertungskriterien, die die Skopostheorie aufstellt, auch für Literaturübersetzungen erfüllbar sind, muss häufig verneint werden (Kelletat 1987: 4348, Schreiber 1993: 23, Zybatow 2004: 266). Zybatow weist des Weiteren darauf hin, dass ein Widerspruch vorliegt, wenn nur zwei
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„Translation [ist] nicht nur ein sprachlicher, sondern immer auch ein kultureller Transfer“ (Reiß/Vermeer 1991: 4). Zur Rolle der Kultur bei Vermeer vgl. Prunç (2001: 174-178).
Absätze nach der Aussage, jede Translation sei ein kultureller Transfer, ein fünfstufiges Modell präsentiert wird, das Translationen mit oder ohne Transfer des kulturellen Hintergrundes eines Textes unterscheidet (Reiß/Vermeer 1991: 120, Zybatow 2004: 264). Eine ähnlicher Widerspruch liegt vor, wenn zum einen als dritte Regel der allgemeinen Translationstheorie angeführt wird, ein Translat bilde ein Informationsangebot nicht umkehrbar eindeutig ab, zum anderen auf Seite 93 drei Transfersorten und ihre Beispiele in der Translation aufgelistet werden: nicht umkehrbarer, teilweise umkehrbarer und imitierender Transfer. Eine zusätzliche Angriffsfläche für Kritiker der Skopostheorie bot der Schreib- und Präsentationsstil der Autoren, denn auch für die Translationswissenschaft gilt: „Häufig reicht schon ein von fachlichen Gewohnheiten abweichender Präsentationsstil, um Voreingenommenheit gegenüber dem Dargebotenen zu wecken.“ (Jakobs 1998: 200) So übt Kelletat in seinem Beitrag harsche Kritik am Aufbau und Stil der Arbeit. Reiß und Vermeer hätten „auf Stringenz der Gedankenführung und Klarheit der Diktion recht großzügig verzichtet“ (1987: 37) und ließen an den entscheidenden Stellen klare Ansagen oft vermissen (ibid.: 39-40).
4. Schlussbemerkung
Seit der Veröffentlichung des ersten Aufsatzes Ein Rahmen für eine allgemeine Translationstheorie 1978 in Lebende Sprachen und dem Erscheinen der Grundlegung einer allgemeinen Translationstheorie 1984 hat sich die Translationswissenschaft eingehend mit dem Ansatz von Reiß/Vermeer auseinandergesetzt. Nicht ohne Grund sprach Wills 1988 von einer „handlungstheoretische[n] Wende“ (28, zit. bei Siever 2008: 71). Die Einführung neuer Begrifflichkeiten, neuer Sichtweisen, Aspekte und Definitionen stieß nicht nur auf vehemente Kritik, sondern gab der Translationswissenschaft in erster Linie neue und entscheidende Impulse:
Vielleicht liegt die Vehemenz der Anfeindungen – besonders gegen die Skopostheorie – genau darin begründet: dass nicht einfach nur alte theoretische Schlachten mit altbekannten Argumenten neu inszeniert wurden, sondern neue Argumente eingeführt wurden, um neue Erkenntnisse zu gewinnen. Umwälzende Herausforderungen scheinen auch in der Wissenschaft Aggressionen und Ängste um die Bewahrung von liebgewordenen Besitzständen zu wecken (Siever 2008: 364).
Weitere funktionale Theorien, besonders Justa Holz-Mänttäris Translatorisches Handeln und Christiane Nords Funktionales Übersetzen, haben das handlungsorientierte Konzept um neue Gesichtspunkte erweitert und bereichert. Wie Siever (2008: 163) darlegt, hat auch Vermeer seine Skopostheorie, besonders im Hinblick auf kognitionsund kulturwissenschaftliche Aspekte, kontinuierlich weiterentwickelt. Elemente dieser Art in eine handlungsorientierte Theorie einzubauen ist problematisch, weshalb Vermeer selbst nun von einer „translatologischen holistischen Prozeßtheorie“ (Vermeer 2003: 241, zit. bei Siever 2008: 163) spricht. Der Skopos, den Vermeer seit rund dreißig Jahren mit seiner Theorie verfolgt, „es sollte eigentlich die Vorstellung allgemein werden, dass es beim Übersetzen nicht darum geht, Wörter zu übersetzen, sondern dass man sich fragen muss: Wozu übersetze ich, was und für wen?“ (Vermeer 2009: 76), blieb jedoch unverändert: „Ich glaube, für eine Theorie
des Übersetzens braucht man nur einen halben Bierdeckel: Für wen, wozu, deiner Meinung nach. Punkt“ (ibid: 78).
Quellen
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